Heimat – Trend oder alte Kamelle?

By 16. September 2014Allgemein

Heimat ist nicht mehr das, was es einmal war. Das werden Alt und Jung bestätigen. Aber was ist Heimat und brauchen wir Heimat? Ist denn Wiesbaden für seine Einwohner Heimat? Was sind Faktoren, die eine Stadt zur Heimat werden lassen?

Im Juni 2014 legten wir im Heimathafen Wiesbaden an; der Ort an dem die Idee von MySocialCity seine Stoßrichtung bekam; ein Coworkingplace und Café zum Ankommen, Kontakte knüpfen und erfahren,  was so in Wiesbaden geht. Also der perfekte Ort, um die Frage nach der Relevanz von Heimat und ihrem Mehrwert als Wohn- und Arbeitsort zu stellen. In gemischter Runde kamen Wiesbadenerinnen sowie Wiesbadener und solche, die es werden wollen zum Donnerstalk im Heimathafen Wiesbaden zusammen und diskutierten mit uns. Zumal musste man feststellen, dass sich die Bedeutung von Heimat stark gewandelt hat. Megatrends wie Urbanisierung, Mobilität und Individualisierung scheinen unser Gefühl von Heimat stark beeinflusst zu haben. Städte weiten sich zu großen Stadtlandschaften aus und das Gesicht der Stadt verändert sich ständig. Heimat lässt sich also nicht mehr so leicht als ein Ort, mit der romantischen Vorstellung von einem vertrauten, geschlossenen Lebensraum, in einer bestimmten landschaftlichen Silhouette und einem heimischen Stadt- oder Dorfbild, und fortwährend mit den selben Bewohnern, mit denen man die Sprache und Kultur teilt, bezeichnen. Menschen wechseln regelmäßig ihren Wohnsitz entsprechend ihren Bedürfnissen. Gleichzeitig streben sie aber, da wo sie ankommen, nach einem sozialen, stützenden Umfeld. Sie tragen Heimat wie in einem Reisekoffer mit und packen ihn da aus, wo sie sich wohl und verbunden fühlen.

Aber wann fühlen sich denn Menschen mit einem Ort verbunden? Eine Studie zur Lebensqualität und Lebensbedingungen des Soziologischen Institutes im Rhein-Main-Gebiet hat statistisch Faktoren untersucht, die zur Verbundenheit mit der Stadt führen. Ganz offensichtlich fühlen sich die Menschen am verbundensten mit einem Ort, die am längsten dort wohnen. Dabei macht es aber für die Bewohner des Rhein-Main-Gebietes einen deutlichen Unterschied, ob sie z.B. in Mainz oder in Wiesbaden leben. Demnach steht der grünen Stadt Wiesbaden z.B. die gesellige Stadt Mainz gegenüber. Wichtiger aber als das Stadtimage prägen die Lebensbedingungen und die Lebensqualität das Verbundenheitsgefühl einer Stadt mit, wie z.B. die Partizipationsmöglichkeiten am gesellschaftlichen Leben, sowie ökonomischen Chancen und Rahmenbedingungen. Stärker als die Gesamtstadt tragen jedoch die Wohlfühlfaktoren im direkten Wohnumfeld der Bewohner, wie sie z.B. die Mentalität ihrer Mitbewohner oder die Architektur und Grünflächen empfinden und bewerten, zu mehr Heimatgefühl bei.

Wie sieht es da mit der Verbundenheit der Wiesbadener mit ihrer Stadt aus? – Wiesbaden ist z.B. im Vergleich zu Mainz eine junge Stadt. Trotz römischer Vergangenheit ist es gerade 200 Jahre her, dass sich Wiesbaden aus einem kleinen Landstädtchen zur berühmten Weltkurstadt im 19. Jahrhundert zu entwickeln begann, dessen Blütezeit gerade bis zum Ausbruch des ersten Weltkrieges anhielt. Seit dem hat sich Wiesbaden stark in seiner Form und Funktion und auch sozialstrukturell verändert. Die Einwohnerschaft von Wiesbaden hat sich innerhalb der letzten 60 Jahre durch eine hohe Anzahl an Fort- und Zuzügen quasi mehrfach ausgetauscht, was eine hohe Dynamik und die erschwerten Bedingungen für ein Heimatgefühl in Wiesbaden vermuten lässt. Die Studie „Stadtanalyse zu Mediennutzung, Kommunikationsverhalten und kommunalpolitischer Teilhabe der Wiesbadener Bevölkerung“ von 2012 der Stadtforschung Wiesbaden zeigt unter anderem die unterschiedliche Verbundenheit der Stadteilbewohner Wiesbadens auf: In den Innenstadt-Bezirken Mitte, Westend, dem Rheingauviertel und Südost ist die Verbundenheit am niedrigsten. Hier ist die Zahl der Neubürger (statistisch, die vor weniger als 20 Jahren zugezogen sind) sehr hoch und Menschen wechseln hier häufig ihren Wohnort und bauen dementsprechend weniger Beziehungen zu ihrem Umfeld auf. In den Vororten, in denen vergleichsweise viele „Alteingesessene“ leben, ist das Wir-Gefühl deutlich höher als in der Innenstadt. Biebrich, Schierstein, Frauenstein, Dotzheim, Klarenthal, Sonnenberg und Rambach zeigen eine überdurchschnittliche Verbundenheit mit der Stadt, wobei in den erst seit 1977 zu Wiesbaden gehörenden östlichen Vororten sich die Bewohner weniger mit der Stadt als mit ihren Stadtteilen verbunden fühlen. Das sogenannten AKK nimmt eine Sonderstellung ein. Die drei ehemaligen Mainzer Stadtteile Amöneburg, Kostheim und Kastell, die Mainz noch im Namen des Ortsschild tragen, verzeichnen eine weit unterdurchschnittliche Verbundenheit zu Wiesbaden. Damit ist in den Stadtteilen Wiesbadens das Heimatgefühl sehr unterschiedlich ausgeprägt.

Für die Entwicklung der Stadt als soziale und räumliche Einheit ist das Maß der Verbundenheit ausschlaggebend. Mit sinkender Verbundenheit, sinkt auch die Bereitschaft, sich in der Stadtgesellschaft zu engagieren und am gesellschaftlichen und politischen Leben teilzunehmen. Anders herum ist auch die Nachfrage in der Einwohnerschaft nach einem sozialen stützenden Umfeld da und geht mit dem Bedürfnis einher, sein Umfeld mit zu gestalten. Wie gestaltet es sich denn in Wiesbaden mit den Rahmenbedingungen, der Lebensqualität und den Lebensbedingungen, die dazu beitragen sich heimisch zu fühlen?  Genau hier setzt My Social City an und hat dazu ein Stimmungsbild in Wiesbaden eingeholt (erste Ergebnisse findet ihr auf unserer Homepage http://www.mysocialcity.de/umfrage/) und erste Ideen entwickelt, wie Stadt und Bürger gemeinsam Wiesbaden mehr zur Heimat werden lassen können.

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